Europa braucht nicht mehr Bezahldienste – sondern ein gemeinsames Fundament

Europa verfügt über gute digitale Zahlungsdienste, doch es fehlt an einem gemeinsamen Fundament, argumentiert Dr. Carsten Wengel, CEO von G+D Netcetera. Entscheidend sei eine gemeinsame Infrastruktur für Tokenisierung, Authentifizierung und Betrugserkennung.

Europa braucht nicht mehr Bezahldienste – sondern ein gemeinsames Fundament
Bild: Technologist

Kommentar von Carsten Wengel, CEO von G+D Netcetera

Eine aktuelle Bitkom-Umfrage zeigt, dass sich die Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland mehr digitale Zahlungsangebote aus Europa wünscht. 37 Prozent der Befragten würden dafür sogar Abstriche bei der Leistung in Kauf nehmen. Weitere 38 Prozent geben europäischen Anbietern allerdings nur bei gleichwertigem Angebot den Vorzug. Diese zweite Gruppe ist die entscheidende, denn an ihr hängt die Frage, wie leistungsfähige europäische Zahlungsdienste überhaupt entstehen.

Im Checkout entscheidet nicht die Herkunft 

Wer Europas Zahlungsverkehr souveräner aufstellen will, muss deshalb bei der Leistung ansetzen. An Möglichkeiten mangelt es dabei nicht, ganz im Gegenteil: Systeme wie girocard in Deutschland, TWINT in der Schweiz oder Bancontact in Belgien sind in ihren Heimatmärkten bestens etabliert. Was diesen Zahlungsverfahren aber fehlt, ist eine relevante Reichweite über Länder und Kanäle hinweg. Ein Zahlungssystem, dass nur im heimischen Onlinehandel funktioniert, kann nicht mit einem globalen Schema konkurrieren, das gleichzeitig an der Ladenkasse, im E-Commerce, in der Wallet und künftig auch in agentischen Zahlungskontexten präsent ist. Immerhin gewinnt Wero als teilweise internationale Lösung langsam an Boden.

Souveränität entsteht auf der Infrastrukturebene

Eine europäische Zahlungsoberfläche, die zu großen Teilen auf außereuropäischer Infrastruktur betrieben wird, ist genau das – eine Oberfläche, mehr nicht. Der eigentliche Wettbewerbsfaktor liegt eine Ebene tiefer in der Infrastruktur, genauer gesagt in einem gemeinsamen Trust Layer, in dem Tokenisierung, Authentifizierung und Betrugserkennung in Echtzeit dieselben Signale teilen. Wer diese Ebene betreibt, entscheidet über Datenhoheit, Betrugsquoten und am Ende über die Kundenbeziehung. Dabei muss die Branche sich nicht komplett neu erfinden, es existieren bereits globale Standards, auf denen man aufsetzen kann. EMVCo-Tokenisierung, FIDO oder ISO 20022, beispielsweise, sind vorhanden und anschlussfähig. 

Was europäische Zahlungsverfahren jetzt brauchen, ist eine gemeinsame Token- und Authentifizierungsbasis, auf die jedes nationale System aufsetzen kann. Interoperabilität ist entscheidend und gehört als Standardanforderung an den Anfang einer Architekturentscheidung, nicht als späterer Integrationsschritt im Prozess.

In der Aufholjagd um die Gunst der Kunden sollte Europa sich beeilen 

Regulierung war in Europa wiederholt Innovationstreiber. SEPA hat den einheitlichen Zahlungsraum überhaupt erst möglich gemacht, PSD2 hat starke Kundenauthentifizierung und Open Banking zum Standard erhoben und die Instant Payments Regulation hat mit der verpflichtenden Empfängerprüfung innerhalb weniger Monate einen Markt für Verifikationslösungen entstehen lassen. PSD3/PSR und FiDA haben dieselbe Wirkung, sobald der Rahmen steht. Derzeit werden sie allerdings noch immer verhandelt und verhindern so Klarheit über den rechtlichen Rahmen. Marktanteile entstehen aber erst durch Produkte. Je länger diese regulatorischen Fragen also offenbleiben, desto teurer wird die Investitionsentscheidung für jedes europäische Produkt.